
Alice Schalek war Journalistin in Wien und die erste Frau, die im Ersten Weltkrieg als Kriegsberichterstatterin an die Front durfte. Sie schrieb für die Neue Freie Presse, die Zeitung, die Kraus am meisten verachtete. Das allein hätte schon gereicht.
Bei Kraus wird sie zur Figur der begeisterten Presse. Er lässt sie über Verwundete schreiben wie über eine Theaterpremiere, und im Film sagt sie, gespielt von Iris Schmid, den Satz, der hängen bleibt: Jetzt beginnt das herrliche Schauspiel des Krieges.
„Die Schalek hat etwas getan, was er für Frauen hochproblematisch fand: Sie hat sich ganz stark in eine männliche Rolle begeben.“
„Das Frauenbild von Karl Kraus war kein brüllend modernes.“
Christian Ortner nennt die Szene, in der sie einen Feuerüberfall provoziert, nur um etwas zu erleben, im Film überzeichnet. Kraus war zu Alice Schalek nicht fair. Er war zu niemandem fair. Das war sein Programm, und es ist bis heute das Unbequemste an ihm.
Wie weit Kraus die Figur treibt, zeigt eine Szene, die im Film zu sehen ist. Ein Feldkurat besucht die Stellung, segnet die Waffen und probiert dann selbst, mit Gott einmal zu schießen. Die Soldaten jubeln, das muss sofort ins Grazer Volksblatt. Die Schalek will auch. Der Priester darf und ich darf nicht, beschwert sie sich, sie schildere schließlich nur aus persönlichem Erleben, und es sei doch für das Sonntagsblatt.
Man lacht, und dann bleibt einem das Lachen stecken. Denn das Muster ist geblieben: die Reporterin, die näher heran muss, weil nur das Erlebte zählt, und der Krieg, der dafür die Kulisse stellt. Man kann das heute auf jedem Bildschirm sehen, mit Helm, Weste und Liveschaltung.
Aus der Reihe „Die Figuren“: Menschen aus Karl Kraus’ Weltkriegsdrama, wie sie wirklich waren und was der Film aus ihnen macht. Kinostart und Filmgespräche · Mitwirkende